Wer Menschen anders anspricht, kommt ohne Sanktionen aus

Fühlt sich im arbeitsmarktpolitischen Dorf Rotthausen zuhause: IAG-Geschäftsführer Dirk Sußmann freut sich auf den Umzug des Quartiersbüros ins ehemalige Kolpinghaus. Foto: RoPo

Aus dem Verwaltungshochhaus ins Quartiersbüro vor Ort: IAG-Geschäftsführer Dirk Sußmann über Strategien, Erfolge und Partnerschaften im arbeitsmarktpolitischen Dorf Rotthausen

Die Zukunft von Rotthausen bekommt eine neue Adresse: Karl-Meyer-Straße 42. Mit dem für 2021 geplanten Umzug ins leerstehende Kolpinghaus schreibt das IAG/Jobcenter Gelsenkirchen seine Erfolgsgeschichte im Stadtteil weiter. Gemeinsam mit der Stadt Gelsenkirchen und der Agentur für Arbeit soll in einem Büro der kurzen Wege ein neuartiger und gemeinschaftlicher Ansatz für Quartiersentwicklung zum Leben erweckt werden. Im Interview zieht IAG-Geschäftsführer Dirk Sußmann eine erste Zwischenbilanz.

Herr Sußmann, mit welchen Gefühlen haben Sie den Mietvertrag für das neue Quartiersbüro mitunterschrieben?
Dirk Sußmann: Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, das kleine Quartiersbüro, das wir im März 2018 in einer ehemaligen Fleischerei auf der Rotthauser Einkaufsmeile eröffnen konnten, größer zu ziehen. Es hat sich gezeigt: Besser als an jenem Ort konnten wir gar nicht beginnen. Außerdem hat uns das Rotthauser Netzwerk viele Türen geöffnet, als wir ganz am Anfang standen. Auch die Politik hat unser Projekt sehr unterstützt, OB Frank Baranowski hat 2018 unser erstes Quartiersbüro persönlich eröffnet.

Was war der Grund für den Wechsel ins Quartier?
DS: Normalerweise kommen die Menschen zum Jobcenter – in ein großes Hochhaus an der Ahstraße. Sie werden von uns eingeladen – manche sagen: vorgeladen. Wer nicht kommt, muss mit Sanktionen rechnen. Wir haben dort eine Aufgabe zu erfüllen, und es sind nicht immer freundliche Begegnungen, die dort stattfinden. Das wollten wir ändern.

Was ist der Vorteil eines Quartiersbüros?
DS: Im Quartier können wir an unsere Kundinnen und Kunden niederschwellige Angebote machen. Dabei kommen wir mittlerweile überwiegend ohne Sanktionen aus. Wir können jetzt dokumentieren, dass unsere Arbeit besser funktioniert, wenn wir anders auf Menschen zugehen und sie anders ansprechen. Ich nenne Rotthausen gern unser arbeitsmarktpolitisches Dorf, in dem wir anders agieren können als in unserem Verwaltungsgebäude. Die vier Mitarbeitenden des Quartiersbüros sind in diesem Dorf sehr gut verankert. Sie werden auf der Straße von allen begrüßt, man kennt sich und schätzt sich.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Akteuren des Arbeitsmarktes?
DS: Wir kennen mittlerweile alle 100 Arbeitgeber in Rotthausen, mit allen haben wir gesprochen. Viele, viele Arbeitslose haben uns besucht. Sie bringen das Quartiersbüro nicht mit dem Jobcenter in Verbindung. Sie kommen, weil sie wissen, dass wir ihnen helfen können. Auf diese Weise haben wir viele Verbesserungen erreichen können, die wir nun mit neuen Partnern und einer hervorragenden räumlichen und technischen Ausstattung fortsetzen wollen.

Was verbinden Sie mit dem Kolpinghaus?
DS: Dass wir in dieses ehrwürdige Haus ziehen, das im Bewusstsein der Rotthauser eine so wichtige Funktion hat, ziehen, ist mir eine besondere Freude. Dass wir dies mit weiteren Partnern tun können, die zwar immer schon mitgemacht haben, aber nun auch vor Ort dabei sind, bestärkt uns, den Weg weiterzugehen.

Gibt es schon Pläne für die Arbeit im neuen Büro?
DS: Wir haben viele Ideen, zum Beispiel die, Maßnahmen zur Qualifizierung und Beschäftigung arbeitssuchender Menschen aus Rotthausen mit städtebaulicher Erneuerung zu kombinieren. Wir haben eine gute Übersicht über das Geschehen im Quartier. Unser Ziel ist es, arbeitsuchende Rotthauser Bürgerinnen und Bürger mit Rotthauser Firmen zusammenzubringen. Das ist schon in Ansätzen gut gelungen. Wir haben jetzt zehn Jahre Zeit, um zu zeigen, dass der von uns gewählte Ansatz Wirkung zeigt. Ich bin sicher, dass sich die Ergebnisse schon viel früher erkennen lassen. Wir werden sorgfältig darauf achten, im Blick zu behalten und zu dokumentieren, wie sich unser Projekt entwickelt. Es ist uns wichtig, über Rotthausen, Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet hinaus zu zeigen: Wir haben es probiert und es wirkt.