Studentin findet: Straße hat Potential

Ein einfacher Campingplatz: Mit kreativen Interventionen schafft Linda Stamm einen offenen Gesprächsraum. Fotos: Linda Stamm

Linda Stamm hat sich im Rahmen des Forschungsprojekts mit Anwohnern ausgetauscht

(J.H.) Mit den Menschen ins Gespräch kommen, Wandel nachhaltig aktiv mitzugestalten – diese Themen interessieren Linda Stamm sehr. Im Interview mit Jennifer Humpfle erzählt die Wuppertaler Masterstudentin, warum die Lothringer Straße für sie spannend ist.

Was ist Ihr Interesse an der Lothringer Straße?
Ich bin über das Wuppertal Institut auf die Lothringer Straße gekommen. Für das Forschungsprojekt „Lebenswerte Straßen, Orte und Nachbarschaften“ wurden zwei ausgewählt – eine in Dortmund und eine in Gelsenkirchen. Ich habe mir die beiden sehr unterschiedlichen Straßen angeschaut und festgestellt, dass an der Straße in Dortmund schon sehr viel passiert. Als ich zum ersten Mal die Lothringer Straße besucht habe, war ich überrascht, dass die Wohngegend so ruhig ist, obwohl sie so nah an der Hauptstraße liegt. Ich habe die Lothringer Straße als Herausforderung gesehen und mich deshalb entschieden, sie für meine Masterarbeit mit in den Blick zu nehmen. Mein erstes Interesse war, wie ich mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen kann.

Struktur vor Ort ist spannend für das Projekt

Hatten Sie vorher einen Bezug zu Rotthausen?
Nein, gar nicht. Meine Uroma hat mal auf Schalke gewohnt, ansonsten hatte ich vorher gar keinen Bezug zu Gelsenkirchen. Deshalb ist das Projekt so spannend. Die Lothringer repräsentiert eine typische Straße, die es in vielen Städten gibt. Die Struktur ist spannend, da auf der recht kurzen Straße schon ein Kindergarten und ein Spielplatz vorhanden sind und trotzdem noch Luft nach oben ist.

Inwieweit kann dieses Projekt in einer Masterarbeit diskutiert werden?
Die genaue Fragestellung steht noch nicht fest, weil das Thema so vielfältig ist. Grundsätzlich befasse ich mich mit nachhaltigen Transformationsprozessen und mit der Frage, wie man als Gestalter in einem solchen Forschungsprojekt interdisziplinär agieren kann. An der Lothringer Straße habe ich hauptsächlich Interventionen gestaltet. Ich habe mir überlegt, was vor Ort funktionieren könnte und welche Informationen wir von Anwohnern brauchen, um das Projekt weiter gestalten zu können und auch stadtplanerisch voranzubringen.

Wie sah eine solche Intervention aus?
Ich habe anfangs noch gar nicht preisgeben, wer ich bin. Ich habe einen kleinen Zeltplatz mit Campingstuhl und Hängematte aufgebaut, um einen offenen Gesprächsraum zu kreieren. Mit Sprühkreide habe ich Fragen in den Raum geworfen: Was macht die Lothringer Straße lebenswert? Wie lebt es sich hier?

Wie haben die Rotthauser Sie aufgenommen?
Die Leute waren sehr offen, damit hatte ich gar nicht so gerechnet. Sie haben ausführlich erzählt, wie das Leben ist und wo Probleme liegen. Ich habe gemerkt, dass einiges emotional aufgeladen ist. Die Hauptprobleme hat man rausgehört: Lärm am Wochenende und abends auf dem Spielplatz, Schrottautos, die Parkdruck erzeugen, und der Müll, der auf dem Spielplatz entsteht, durch Alkoholiker und Drogenabhängige. Auf der anderen Seite waren trotzdem viele, vor allem Ältere, für die die Lothringer Straße Heimat ist und die Rotthausen lieben.

Aktion konnte erste Bedenken ausräumen

Wie ist der Erlebnisraum bei den Anwohnern angekommen?
Vorher gab es viele Bedenken, dass Probleme sich verstärken könnten, wenn die Straße schöner wird. Als wir dann aber die temporäre Möblierung im öffentlichen Raum aufgebaut haben, hatte ich das Gefühl, dass ein kleines Umdenken stattfand und die Leute es ganz schön fanden. Die Kinder haben die Spielgeräte benutzt, viele haben sich über die Zukunftsbilder informiert und eigene Vorschläge gemacht. Ich denke, insgesamt war die Aktion erfolgreich.

Wie passt der Studiengang Public Interest Design mit einem solchen Projekt zusammen?
Wenn man sich mit dem Thema Design beschäftigt, hat man eher klassische Agenturarbeit im Kopf. Und da geht es darum, wie man Werbungen so gestaltet, dass möglichst viele Produkte gekauft werden. In Anbetracht der aktuellen Lage, habe ich mich eher gefragt, wie man nachhaltiger konsumieren kann. In einem nachhaltigen Transformationsprozess geht es dann darum, wie kann ich dem Team Informationen vermitteln und wie nach außen hin Transparenz schaffen. Die Zielvision lautet: Wir müssen nachhaltiger denken.

Was wäre also Ihre Handlungsanweisung für die Lothringer Straße?
Nicht aufzuhören, mit dem was wir angefangen haben, sondern sich noch mehr mit den Leuten vor Ort auseinanderzusetzen. Man sollte überlegen, wie man die Gesellschaft noch weiter integrieren kann, um gemeinsam Lösungen zu finden.


Zur Person

Linda Stamm ist 28 Jahre alt und studiert Public Inte-rest Design im Master. Die Wuppertalerin wertet aktuell ihre gesammelten Daten des Projekts an der Lothringer Straße aus. Diese Rückschlüsse werden ein Untersuchungsbeispiel in ihrer Masterarbeit sein.