„Wir machen unsere Fresse auf“

Ein bodenständiger Typ mit festen Wurzeln im Stadtteil: Im Interview erzählt der Rotthauser Rapper „Pillath“ über seine Arbeit in Gelsenkirchen und Klischees über die Rap-Szene.

„Unsere Väter haben untertage malocht/ Haben tausend Meter tief ganze Jahre malocht/ Und das für n mageren Lohn/ Damit aus uns mal was werden kann.“ Erfolgreicher Rap muss nicht aus Berliner Problemvierteln kommen. Oliver Pillath schaffte es mit seinem Album „Der Onkel der Nation“ auf Platz Elf der deutschen Charts. Der gebürtige Rotthauser (34) lebt und produziert in Gelsenkirchen.
„Es hat alles Vor- und Nachteile: die letzten zwei Monate konnte ich chillen und rumexperimentieren. Davor die sechs Monate waren aber der totale Stress. Das ist halt die Art und Weise, wie ich mein Geld verdiene.“ Oliver Pillath, in der Rap-Szene bekannt unter seinem Nachnamen „Pillath“, sitzt auf der großen Couch im Vorzimmer des Amaterasu-Tonstudio in Gelsenkirchen-Erle.
Szenegrößen wie Kay One oder DMX haben auch dort gearbeitet. An diesem Abend wird Pillath selbst hinters Mikro gehen. „Wir basteln gerade an ein paar Beats und Texten für ‚Golden Era‘, das neue Album von Kollegah. Da sind auch ein paar andere Kollegen mit am Start.“

Fünf Monate Arbeit am Album

Sein eigenes Album „Onkel der Nation“, erschienen beim Label Delta Music, stieg auf Platz elf der deutschen Albencharts. „Das war mein sechstes Release. Davor habe ich mit meinem Kollegen Snaga zusammen gearbeitet und an Mixtapes gebastelt. ‚Onkel der Nation‘ ist mein zweites richtiges Soloalbum.“ Fünf Monate hatte er am Album gearbeitet, ab Dezember dann den Kalender voll mit Promoterminen und Videodreh gehabt. Mit dem nächsten Album will sich der Rapper erstmal Zeit lassen: „Momentan experimentier ich nur rum. Mit der Produktion des nächsten Albums fange ich vielleicht Ende diesen Sommers an. Die Texte kommen dann von mir, und die Beats von Gorex, Musicproducer und Inhaber vom Amaterasu Tonstudio.“
Das Ziel ist dabei schon klar abgesteckt: „Das nächste Mal ist die Top 10 angepeilt. Oft kommt es aber auf die Woche an, in der die Single rauskommt. Bei über achtzig anderen Releases in einer Woche lässt sich die Platzierung kaum absehen.“

Freestyle Battles in ganz Deutschland

„Beim Mixen mach‘ ich keine Kompromisse. Wenn ich einen Beat geil finde, dann kommt der Text dazu. Dann kann man‘s auch eigentlich gar nicht mehr verkacken.“
Angefangen hat seine Rapkarriere bei Freestylebattles in ganz Deutschland. „Dort sind wir ganz Oldschool mit dem Rucksack hingereist. Ich habe dort viel Erfahrungen für meine spätere Karriere abgeholt.“ Trotzdem war der Freestyle nicht mehr als ein Einstieg für ihn. „Mir wurde das irgendwann zu langweilig. Alben sind aus künstlerischer Hinsicht viel interessanter. Sound und Bild werden einheitlich, man kann viele Sachen bedenken und der gesamte Track wird viel komplexer als im Battle.“

Je kontroverser, je lauter, je asozialer: desto bekannter

Keine protzigen Klamotten und kein Ghetto-Slang: Wenn Pillath durch die Fußgängerzone ginge, würde ihn wohl keiner sofort als „typischen“ Rapper identifizieren. „Rapper sind alles eigentlich bodenständige Typen. Wir machen halt oft unsere Fresse auf, aber vieles wird von gewissen Medien einfach aufgebauscht. Da arten kleine Sachen schnell mal in einem Skandal aus, sodass das Image von Rappern immer im Zwiespalt ist.“ Eben diese kleinen ‚Skandale‘ seien auch das Geheimrezept, um richtig in den Medien aufzufallen: „Ganz einfach – je kontroverser, je lauter, je asozialer du bist, desto mehr Aufmerksamkeit bekommst du. So wird Rap oft in eine bestimmte Schublade gesteckt, obwohl gerade Deutschrap sehr vielseitig ist. Viele Deutschrapper sind sehr intelligent und machen verdammt gute Texte.“
Auch Pillath will sich nicht in eine Schublade stecken lassen: „Ich habe keine skizzierte Linie in meinen Raps. Da habe ich keinen Bock drauf. Ich mach mein Ding und bin halt so, wie ich bin.“

„In Rotthausen war damals mehr los“

Auch heute hält der gebürtige Gelsenkirchener im Stadteil die Stellung: „Der Ruhrpott ist einfach ehrlich und offen, deshalb wohne ich auch heute noch hier. Ich war nie länger als zwei Wochen außerhalb von Rotthausen.“ Dass sich die wilden Zeiten ändern, hat der Rapper auf den Straßen beobachten können. „Es ist ganz schön ruhig auf den Straßen in Rotthausen geworden. Früher war immer was los, aber viele meiner damaligen Freunde sitzen mittlerweile oder hängen an der Nadel.“ Der 34-jährige selber ist ruhiger geworden und trotz Rap-Karriere bodenständig geblieben. Heute lebt er mit Frau und Kind in einer Wohnung in Rotthausen. Wenn er in seiner Freizeit nicht im Fitnessstudio oder auf Schalke ist, verbringt er einen großen Teil seiner Zeit mit dem neuen Familienhund: „Wir haben einen kleinen Welpen, der muss betreut werden.“