Ohne Mitmenschen bist du ein nichts

Das Leben lieben und mit beiden Händen festhalten: Seine positive Weltsicht hat den GFW-Geschäftsführer Wilhelm Tax jung gehalten. Durch den Erwerb von 1.200 Wohnungseinheiten im Jahre 1996 von der Dahlbusch AG, wurde ein Ausverkauf der Bergmannswohnungen in Rotthausen verhindert und mit der Modernisierung begonnen. 2013 trat Klaus Nadolny (links) in die Geschäftsleitung des traditionsreichen Unternehmens ein.

Ein Gespräch zum 95. Geburtstag mit Wilhelm Tax, einem der ältesten Geschäftsführer Deutschlands

(SuSch) Was haben Rudolf Augstein, Loriot und Maria Callas gemeinsam? Sie wurden 1923 geboren – im selben Jahr wie Wilhelm Tax. Augstein, Loriot und die Callas leben nicht mehr. Wilhelm Tax jedoch feiert am 10. April den 95. Geburtstag – in bewundernswerter geistiger und körperlicher Frische. Seinen Ehrentag erlebt der Geschäftsführer der Gesellschaft für Wohnungsbau (GFW) an dem Ort, der ihm seit mehr als neun Jahrzehnten Heimat, Halt und Hoffnung gibt: in Rotthausen.

Von Montag bis Freitag dasselbe Bild: Morgens gegen acht Uhr rollt der graue Mercedes in die GFW-Garage am Grüner Weg 1. Am Steuer sitzt ein weißhaariger, schmaler und stets korrekt gekleideter Senior. Der Arbeitstag von Wilhelm Tax hat begonnen. Gegen sechs Uhr morgens ist der GFW-Geschäftsführer aufgestanden, um sein Tagewerk zu beginnen. Dabei könnte er seit rund 30 Jahren liegenbleiben, denn 1988 hätte Wilhelm Tax in Rente gehen können. Stattdessen wechselte er mit 70 aus dem Vorstand der Bergwerksgesellschaft Zeche Dahlbusch an die Spitze der Dahlbusch-Tochter GFW. Wenn Tax am 10. April seinen 95. Geburtstag feiert, ist er einer der ältesten aktiven Geschäftsführer in Deutschland. Um solche Kleinigkeiten aber macht ein Wilhelm Tax kein Aufhebens.

Am 10. April 1923 wurde Wilhelm Tax in Rotthausen geboren, Sohn eines Bergmanns, dritttältestes Kind von fünf Geschwistern, einziger Sohn und „Mutters Liebling“, wie er sagt. Schon früh zeigt sich, was in ihm steckt: Die Rosen im Schulgarten düngt er mit Kuhmist so erfolgreich, dass sie im Herbst mit Erfolg verkauft werden können. Der Erlös fließt in die Schulkasse, davon werden gemeinsame Ausflüge bezahlt. Wilhelm Tax ist damals zehn Jahre alt.

Rektor Ermeling von der Düppelschule erkennt sein Potenzial. Ein Besuch des Gymnasiums kommt aber für die Eltern nicht in Frage. Ermeling empfiehlt den 14-Jährigen bei der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch für eine Ausbildung zum Bergvermessungstechniker. Die vierjährige Lehre schließt Tax bereits nach drei Jahren ab und glänzt bei der Prüfung als Jahrgangsbester im Ruhrgebiet. Das Studium zum Vermessungsingenieur an der Bergschule in Bochum kann beginnen. Doch schon nach zwei Wochen bekommt der 19-Jährige den Einberufungsbefehl. 1942 wird Wilhelm Tax Soldat, muss in Russland Dienst tun, wird als Leutnant der Reserve schwerstverwundet, von unbekannten Soldaten, gestützt, mitgeschleppt, versorgt. Nur deshalb überlebt er: „Diese Zeit war die Schule meines Lebens. Sie hat mich gelehrt: Ohne deine Mitmenschen, deinen Nebenmann, deine Arbeitsgruppe bist du gar nichts. Nur wenn du bereit bist zu helfen, ohne aufgefordert zu werden, dann bekommst du auch Hilfe von anderen, ohne fragen zu müssen.“ 1946 kehrt Tax nach Rotthausen zurück. Er setzt sein Studium fort, wird Vermessungsingenieur, übernimmt nach dem Tod des Vaters die Verantwortung für die Familie, lebt lange mit der Mutter im Häuschen an der Wittener Straße. Wenn Wilhelm Tax auf sein Leben zurückblickt, dann sieht er Höhen und Tiefen. Über den frühen Krebstod seiner Frau Gerti zu sprechen, fällt ihm noch immer schwer. 1983 musste er von der Wienerin, die er im Urlaub am Wörthersee kennenlernte und ins Ruhrgebiet lockte, Abschied nehmen. Das Ehepaar blieb kinderlos. Wilhelm Tax ist keiner, der mit dem Schicksal hadert. Er versucht, in jeder Situation das Positive zu erkennen, dankbar zu sein, Demut zu bewahren, beweglich zu bleiben – körperlich und geistig. Eine Lungenentzündung hat er gerade gut überstanden. Er sorgt sich um den Frieden in der Welt und freut sich über die Erfolge des Rotthauser Netzwerkes. Zum Geburtstag bruncht Wilhelm Tax mit Freunden und Wegbegleitern im „Haus Dahlbusch“ – in Zukunft zweimal  im Jahr. Gibt es trotzdem etwas, was der Jubilar im Rückblick bedauert? Die Antwort – ein typischer Tax: „Ich bedaure, dass ich schon so alt bin.“

Die Dahlbuschbombe aus Gelsenkirchen: Wilhelm Tax war als verantwortlicher Vermessungsingenieur dabei, als das Rettungsgerät 1955 in nur fünf Tagen gebaut, erprobt und eingesetzt wurde. Dank seiner hochpräzisen Berechnung gelang – auf Anhieb – die weltweit erste Rettungsbohrung im Bergbau von unten nach oben. Eins von drei Originalen ist im GFW-Gebäude ausgestellt. Fotos: Arne Pöhnert

Immer ruhig Blut

„Seit 35 Jahren arbeite ich für Wilhelm Tax, und ich freue mich auf jeden neuen Tag. Wilhelm Tax ist ein guter Chef, immer ausgeglichen, stets freundlich. Wenn er ausnahmsweise mal einen schärferen Ton angeschlagen hat, ist er jedesmal bemüht, noch am selben Tag ein Gespräch zu führen, um mögliche Missstimmungen auszuräumen. Das gelingt immer.“
Annegret Sommermeier (74), Vorstandssekretärin GFW

„Seit fünf Jahren arbeite ich als Geschäftsführer Seite an Seite mit Wilhelm Tax. Vorher war ich 43 Jahre im Bergbau tägig, zuletzt als Leiter der RAG Verkauf, einer sehr stressigen Position. Was ich an Wilhelm Tax bewundere, ist die Ruhe, die er selbst in brenzligen Situationen bewahrt. Nie verliert er die Contenance, sondern sagt: Wir werden datt schon machen. Er hat enorm viel Humor, gepaart mit einem positiven, lebensbejahenden Denken. Das hilft unglaublich. Wenn wir Probleme haben, sagt er: Jetzt schlafen wir eine Nacht darüber. Morgen gehen wir die Sache gemeinsam an – mit Ruhe und Sachverstand. Das schätze ich so besonders an ihm“
Klaus Nadolny (66), GFW-Geschäftsführer