„Meine Eltern können über sich selbst lachen“

Lebenslänglich Pausenhof? „Lehrerkind“ Bastian Bielendorfer im Interview mit der Rotthauser Post

Als „pädagogisch schmerzvoll“ wird seine aktuelle Tournee beworben. Dieses Wortspiel steht auch für das bisherige Leben von Bastian Bielendorfer, so wie es der gebürtige Rotthauser in seinen Büchern humorvoll beschreibt. Als „Lehrerkind“ erklomm der heute 33-Jährige im Herbst 2011 die Spitze der Bestsellerliste.

Welche außerschulischen Erinnerungen haben Sie an Rotthausen? Gibt es Lieblingsplätze, die Sie heute noch gerne aufsuchen?

Bielendorfer: „Naja, Rotthausen ist ja nicht New York, die Hot Spots sind rar, aber klar erinnere ich mich gern. Als Kind habe ich praktisch täglich einen Schmackofatz bei „Grammatikas“ gegessen und danach Herrn Hentschel, einen wahnsinnig lieben Kerl, der sein Radio- und TV-Geschäft daneben hatte, besucht. Bis heute gehe ich gerne mit meinem Mops über die alte Halde auf der Reihe und auch, wenn ich schon ewig nicht mehr in meiner Grundschule in der Schonnebecker Straße war, fahre ich immer mit einer guten Erinnerung daran vorbei.“

Besteht noch Kontakt zu alten Freunden oder hat man solche als Lehrerkind per se nicht?

„Quatsch, na klar hat man Freunde. Nur nicht viele in der Schule. Mein engster und ältester Freund lebt bis heute in Gelsenkirchen, mittlerweile nicht mehr in Rotthausen, sondern in der Innenstadt. Letztlich ist Freundschaft auch Heimat, ich verbinde Gelsenkirchen noch viel stärker mit Menschen als mit Orten.“

Im Januar gastieren Sie in Ihrer Heimatstadt. Erwarten Sie viele ehemalige Lehrer und Mitschüler im Publikum?

„Ja, das ist eigentlich Tradition, bis auf meinen Sportlehrer, der mich durch acht Jahre und zahllose Turnprüfungen gefoltert hat, bin ich mit all meinen ehemaligen Lehrern in gutem Kontakt und freue mich, wenn sie kommen. Und klar kommen auch Mitschüler, manchmal auch solche, die mich damals gemobbt haben – in ihrer Erinnerung wohl eine gute Zeit, so verschieden sind Perspektiven. Letztlich ist es für mich Wahnsinn, dass an den drei Tagen fast 1200 Menschen kommen, um mich zu sehen. Ich sitze manchmal selbst im Auto vor den Eingängen zu meinen Shows und sehe die Menschen, die sich extra durch Wind und Wetter zu mir auf den Weg gemacht haben. Das macht demütig und dankbar.“

Wie schafft man es, in Gelsenkirchen aufzuwachsen, ohne vom Schalke-Virus infiziert zu werden?

„Ich habe als Kind Schalke nie als schönes Ereignis empfunden: Die Innenstadt quoll über, alles war voller Bier und Kotze und im Fußball war ich so eine erbärmliche Niete, dass ich mir da noch nicht mal Idole suchen konnte. Ich hab mich erst später mit dem Fußball versöhnt, weil ich in eine BVB-Familie eingeheiratet habe – und das als Junge aus Gelsenkirchen. Das war nicht leicht, den Kulturschock zu überwinden.“

In Ihren Werken gehen Sie mit Ihren Eltern ja nicht gerade zimperlich um. Um das zu verkraften, dürfte auch bei diesen reichlich Sinn für Humor vorhanden sein. Ist dies eine positive Eigenschaft, die Sie von den Eltern geerbt haben?

„Definitiv. Ich hätte nicht ein Buch geschrieben oder nur ein Wort über meine Eltern auf der Bühne verloren, wenn sie nicht zu 100 Prozent damit einverstanden gewesen wären. Meine Eltern haben einen tollen Sinn für Humor und können auch über sich selbst lachen. Ich hatte immer sehr verständnisvolle, unterstützende und witzige Eltern. Das, was ich heute bin, verdanke ich zu einem großen Anteil ihnen. Und das weiß ich.“

In Ihrem ersten Buch „Lehrerkind“ erwähnen Sie, dass Sie den Korrekturzwang ihres Vaters schon als Kind übernommen haben. Kann man das überhaupt loswerden?

„Geht so, meine Grammatik ist gar nicht so doll, mein Vater würde sagen „maximal ausreichend“. Ich kann bis heute nicht „dass“ und „das“ richtig setzen und meine Interpunktion ist auch was für Blinde. Aber gut, dafür hab ich ja meinen Vater, der bügelt über all meine Bücher drüber, bevor es das Lektorat tun kann.“

Denken Sie an eigene Kinder? Falls ja: Welchen Erziehungsansatz Ihrer Eltern wollen Sie keinesfalls wiederholen, welchen auf jeden Fall übernehmen?

„Klar, denke ich an eigene Kinder. Ich bin jetzt 33 und verheiratet, außerdem freut sich mein Mops Otto auf Gesellschaft. Ich werde den Gedanken meiner Eltern übernehmen, aus meinen Kindern selbstdenkende Menschen mit einem gesunden moralischen Kompass und Respekt vor Anderen und Schwächeren zu machen. Ob ich ihre erste Partnerin mit Kommentaren wie „Das ist höchstens eine 3 plus“ bedenken werde, bleibt abzuwarten. Richtig gelesen: Meine Eltern haben meinen Ex-Freundinnen Schulnoten gegeben. Meine Frau versucht immer noch herauszukriegen, welche Note sie wohl bekommen hat.“

Denken Sie bei ihren Büchern an einen Themenwechsel? Oder ist der Fundus an Geschichten so groß, dass wir uns auf weitere „pädagogisch schmerzvolle“ Bücher freuen dürfen?

„Das wird man sehen, die Leute lesen gern von meiner Familie und ich schreibe gerne über sie. Aber auch schon in meinem neuen Buch gibt es viele Ansätze , die von den Stories über meine Eltern wegführen, beispielsweise mein Waldorf-Neffe Ludger, dessen Mutter Cordula so öko war, dass sie mit laktosefreier Milch gestillt hat. Wir werden sehen, was kommt, ich freue mich jedenfalls riesig auf die drei Tage im Hans-Sachs-Haus und ich werde mir alle Mühe geben, dass jeder mit einem dicken Grinsen im Gesicht nach Haus geht.“ (Frank Winter)