Kein Haus ohne Taubenschlag

Setzen sich für die Rennpferde des kleinen Mannes ein: Manfred Musga (l.), Pressesprecher der RV Gelsenkirchen, und Vorsitzender Peter Stollfuß auf der Brieftaubenanlage am Hördeweg.

Brieftaubenverein RV Gelsenkirchen hofft auf Rückenwind bei Mitgliederentwicklung

(JuBa) Die RV Gelsenkirchen ist eine Institution im Brieftaubensport. Das Zentrum des Brieftaubenvereins befindet sich in Rotthausen – mitten im Quartier am Hördeweg. Allerdings hat der Taubensport in den letzten Jahren mit sinkenden  Mitgliederzahlen zu kämpfen. Der Nachwuchs fehlt.

Das Ruhrgebiet zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Industrialisierung ist in vollem Gange und der Bergbau blüht. Nach den harten Schichten unter Tage gehen die Bergleute zurück in ihre Wohnungen in den Zechensiedlungen. Dort wartet das „Rennpferd des kleinen Mannes“ – die Brieftaube. Unter Bergleuten war der Brieftaubensport weit verbreitet „Bei uns im Viertel gab es kein Haus ohne Taubenschlag“, sagt Peter Stollfuß, Vorsitzender der Reisevereinigung Gelsenkirchen und Umgebung von 1894 e.V., dem die Liebe zum Taubensport gewissermaßen in die Wiege gelegt wurde. Großvater und Vater waren beide begeisterte Taubenliebhaber. Mittlerweile ist Stollfuß über 45 Jahre aktiver Züchter.  „Ich bin jeden Morgen aufs Neue fasziniert, wenn ich meine Tauben aus ihren Schlägen lasse und gleichzeitig die Sonne aufgeht“.

Nur noch 43 „Aktive“

Mit ihm teilen insgesamt 127 Mitglieder der Reisevereinigung Gelsenkirchen die Leidenschaft zum Brieftaubensport, 43 „spielen und reisen“ aktiv mit den Tauben. In einem Umkreis von 12 Kilometern verteilen sich die Mitglieder und Züchter rund um die in Eigenregie erbaute Vereinsstätte am Hördeweg in Rotthausen. Dort befinden sich insgesamt neun Gartenanlagen, die über Taubenschläge mit rund 1500 Tauben verfügen. Der Rest verteilt sich auf die privaten Schläge der Vereinsmitglieder rund um das Quartier. Gerne erinnern sich die Vereinsmitglieder an frühere, bessere Zeiten. In den Hochzeiten des Sports galt Rotthausen als Zentrum des Brieftaubensports im Ruhrgebiet. Jetzt kämpft die RV mit einem starken Mitgliederrückgang.  In den 50er Jahren existierten noch über 700 reisende Schläge in den Zechensiedlungen Flöz Dickebank und Flöz Sonnenschein. Heute zählt zu den 43 aktiven Mitgliedern nur noch ein Rotthauser. Eine Ursache für den Rückgang der Mitglieder sieht Manfred Musga, Pressebeauftragter, Delegierter und Mitglied des Vorstands der RV, in der Veränderung des städtischen Miteinanders: „Der Nachbar klagt gegen den Taubenzüchter, der sein Hobby seit über 30 Jahren pflegt, und fordert, dass die Tauben nebenan verschwinden müssen.“ Ein weiterer Grund für den kontinuierlichen Wegfall der Mitglieder ist laut Musga dem Alter geschuldet. Die Jugend von heute hat am Taubensport kein Interesse mehr. Durch Aktionen wie den „Tag der Brieftaube“ des Verbandes will die RV am 15. April junge Leute für den Brieftaubensport begeistern.

Taubensport als Kulturerbe

Im Dezember lehnte das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen die Ernennung vom Brieftaubensport zum immateriellen Kulturerbe von Nordrhein-Westfalen ab. Grund sei unter anderem der Vorwurf von Tierschützern, dass viele Tauben die Preisflüge nicht gesund überstehen und ausgebeutet werden würden. „Das kann ich nicht bestätigen“, erklärt Musga. „Nur bei schlechtem Wetter oder Greifvögelangriffen haben wir geringe Verluste – aber solche Wettkampfbedingungen versuchen wir zu vermeiden.“ Im kommenden Jahr wollen sich die Taubensportler erneut ums Kulturerbe bewerben. „Dabei wollen wir auf die Einwände der Tierschützer eingehen. Der Taubensport gehört wie die Kohle zum Ruhrgebiet. Es liegt uns sehr am Herzen, dass diese Tradition erhalten bleibt.“