Hinter jeder Tür ein Schicksal

Ob Messi- oder Totenwohnung: Thomas Kellermann aus Essen-Schonnebeck räumt da auf, wo andere nicht mehr zupacken wollen

Chemikalien, Schutzanzüge, Gasmasken. Schweres Gerät türmt sich im Lager von Thomas Kellermann. „Wir müssen voll ausgerüstet sein, wenn wir zu einer Räumung ausrücken,“ erzählt der 43-jährige Unternehmer aus Essen-Schonnebeck. Seit eineinhalb Jahren packt er mit seiner Firma KHS in ganz NRW an. Spezialgebiet: Messi- und Totenwohnungen.

„KHS – das steht für ‚Keine halben Sachen.‘ Wenn wir was anpacken, dann richtig.“ Wenn Thomas Kellermann mit seinem Team ausrückt, ist der Müllberg meistens unüberwindbar geworden. Die Wohnung muss komplett geräumt werden. Der letzte schwere Fall war die Wohnung eines alten Naturheilkundlers in Düsseldorf, in der fünften Etage und ohne Aufzug. „Wir haben da insgesamt 72 Kubikmeter rausgeholt. Alles war vollgestellt mit Büchern, Medikamenten und Zeitschriften.“

Gemischte Gefühle
Eine Räumung hat für Thomas Kellermann oft Schattenseiten, denn hinter jeder Wohnungstür verbirgt sich eine Geschichte. „Ich mache meine Arbeit immer mit gemischten Gefühlen, meist stecken da ganz schreckliche Schicksale hinter einer Räumung. Oft sind es Menschen, die in ihrem Umfeld ausgegrenzt wurden und dann alleine verelenden.“

Verständnis für Notlagen
Kellermann kennt die Nöte, die das Leben aus den Fugen geraten lassen. Er ist selbst in einem sozialen Brennpunkt in Essen-Steele aufgewachsen. „Wir waren acht Kinder. Da ist es schwer, eine vernünftige Wohnung zu finden. Solche Probleme gibt es heute immer noch. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern keinen Unterhalt erhält, hängt die Familie schnell in der sozialen Kurve.“ Damit es in seinem eigenen Umfeld nicht so weit kommt, behält der Essener die Menschen in seinem Viertel im Blick. „In Schonnebeck kennt man mich. Da weiß man, der redet nicht nur, der macht auch.“ Dieses Jahr ging bereits ein Scheck über 1000€ an das Ronald McDonald Haus in der Essener Gruga, um krebskranke Kinder zu unterstützen. Zuhause engagiert sich der Familienmensch mit Sommerfesten für die Hausgemeinschaft.

Eine Notlage hat ihn damals in das Entrümpelungsgeschäft gebracht: Eine unglückliche  Partnerschaft sorgte dafür, dass Kellermann bereits in jungen Jahren hochverschuldet war. Mit seinem ersten Betrieb schaffte er es dann raus aus den Schulden. „Schon damals konnte man in diesem Bereich gut Geld verdienen. Ich konnte aber auch anderen Menschen damit helfen.“

Großer Scherbenhaufen
Wenn Kellermann kommt, trifft er häufig auf Menschen, die vor einem großen Scherbenhaufen stehen. Seine wichtigste Arbeitsausrüstung ist ein offenes Ohr. „Wenn wir bei älteren Menschen die Wohnung räumen, brauchen die oft jemanden zum Reden. Da nehmen wir uns Zeit und hören einfach nur zu.“
Aber auch um Angehörige sorgt sich Thomas Kellermann in Zusammenarbeit mit der Caritas und dem Jobcenter. Einige Fälle sind dem Anpacker besonders an die Nieren gegangen. „Einmal wurden wir zu einer Totenwohnung gerufen: Die alte Frau lag schon so lange unentdeckt auf dem Teppich, dass wir sie nicht mehr lösen konnten. Da haben nur Gasmaske und Chemikalien geholfen.“

Gespräch mit dem Team
Besonders wichtig nach solchen Härtefällen ist für Kellermann ein Gespräch mit dem gesamten Team. „Wir setzen uns dann alle nochmal auf ein Bierchen zusammen und besprechen die ganze Geschichte. Danach können wir alle in Ruhe nach Hause gehen.“