Familiengeschichte im Bombenhagel

 

„Rotthausen 1945“: Dieter Wernscheid erinnert an seine Großmutter Anne, die Besitzerin des Tanzlokals Wernscheid

Rotthausen 1945 – Bombenhagel verwandelt einen fröhlicher Tanzabend im Lokal Wernscheid in eine Tragödie. Der junge Regisseur Urs Kessler hat durch seinen Film „Rotthausen 1945“ das Drama, das mehr als 20 Menschen das Leben kostete, dem Vergessen entrissen. Bei der Premiere des Films in den Apollo Cinemas im Oktober saß auch Dieter Wernscheid im Publikum. Im Gespräch mit der Rotthauser Post erinnert sich der Enkel von Anne Wernscheid, der Besitzerin des Tanzlokals, an den wohl traurigsten Moment seiner Familiengeschichte.

Im Film steht ein Mann hinter der Theke des Tanzlokals Wernscheid. Im echten Leben war es Anne Wernscheid, die die Gäste dort bediente. Eine Frau in ihren 50er Jahren, „klein, stämmig und resolut“ beschreibt sie ihr Enkel Dieter. 1880 von den Urgroßeltern erbaut war das Gebäude die Heimat der Familie. 1900 eröffneten sie die Gaststätte, ein typisches Tanzlokal mit Saal, hüfthoher Theke und dunkelbraunem Holz. Am 4. Februar 1945 dann der Bombenhagel. Über 20 Menschen starben, seine Großmutter konnte sich retten. „Von dieser Nacht hat mir meine Großmutter nur wenig erzählt“, so Dieter Wernscheid.
Bei seiner Geburt im Kreis Lübbecke im Jahr 1948 war das Unglück schon drei Jahre vergangen. Rotthausen war zerbombt, die Heimat der Familie Wernscheid dem Erdboden gleich gemacht. Erst im Jahr 1950 war das Haus auf den Grundmauern neu erbaut. „Ich habe nicht viele Erinnerungen an die Zeit. Bei unserer Rückkehr war ich zwei Jahre alt“, erzählt der heute 69-Jährige. Das neue Gebäude beherbergte kein Tanzlokal mehr, sondern wurde aufgeteilt in eine Konditorei und eine Kneipe – beide wieder unter dem Familiennamen betrieben. Sein Onkel Karl betrieb die Kneipe, sein Vater Heinz, gelernter Konditor, und seine Mutter Hetty, das Café. Großmutter Anne saß im Cafè an der Kasse und lebte von der Pacht, die ihre Kinder zahlten.
Als Steppke saß Dieter oft im Betrieb seiner Eltern. „Manchmal kamen Menschen vorbei und unterhielten sich mit meiner Großmutter und meinem Vater über den Bombeneinfall. Einmal kam eine Frau und bedankte sich bei meinem Vater. Er hatte sie beim Unglück aus dem Keller gerettet.“ Nicht nur Dieters Großmutter Anne war 4. Februar 1945 im Lokal. Auch sein Vater, damals auf Heimaturlaub, war dort und besuchte seine Mutter. Er kannte sich in den Räumlichkeiten aus und rettete somit einige Menschen. „Wir haben nicht viel über den Abend gesprochen. Ich war zu dem Zeitpunkt noch sehr jung. Und wer will als Kind schon von Tod und Krieg hören?“ Erst später, nach dem Tod der Großmutter und der Eltern, begann er mit der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte.

Lokal wurde bis in die 90er Jahre betrieben

Dieter lebt seit seiner Rückkehr aus dem Kreis Lübbecke in Rotthausen. Fünf Jahre ging er zur Hauptschule am Dahlbusch, wechselte auf die Realschule für Jungen in Schalke. Er begann eine Lehre als Maschinenschlosser bei Krupp, studierte anschließend Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften, zunächst in Buer, dann in Gummersbach. Er verliebte sich und heiratete seine Frau Anne-Dore. Nach dem Tod seiner Eltern kümmerte er sich um den Betrieb, pendelte zwischen Gelsenkirchen und Gummersbach, seine Frau half vor Ort. Nach Ende seines Studiums kaufte er die Kneipe seines Onkels auf und eröffnete erneut das Lokal Wernscheid. Während er selbst als Betriebsleiter eines Brenn- und Schneideunternehmens in Ückendorf arbeitete, wurde das Lokal bis in die 90er Jahre von verschiedenen Pächtern betrieben. Mittlerweile verwaltet die Sparkasse die Lokalität im unteren Gebäudeteil. In der oberen Etage wohnt Dieter Wernscheid noch immer.
Für die Arbeit am Film „Rotthausen 1945“ ist Regisseur Urs Kessler auf Dieter Wernscheid zugegangen. „Leider konnte ich ihm nicht viel über den Abend in der Gaststätte erzählen.“ Der Film hat ihm selbst noch mehr Details über den Schicksalstag seiner Familie gegeben. „Es lässt sich leicht sagen, dass 20 Menschen gestorben sind. Wenn man es aber vor Augen geführt bekommt, und der eigene Name auf dem Gebäude dort steht, geht das sehr nahe.“ Seine beiden Kinder Bastian und Annika haben den Film noch nicht gesehen – die Tochter wohnt nicht mehr im Ruhrgebiet, der Sohn war im Urlaub. „Der Regisseur wird mir aber eine Kopie der Filme senden. So sehen die beiden auf jeden Fall noch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte.“