Einschränkung? Nicht die Bohne!

Integrativ und regional: Das Kaffeehaus Zeitblick bietet Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz

Von hier für hier: Im neuen Kaffeehaus Zeitblick an der Schonnebecker Straße 108 gibt es Köstlichkeiten aus regionalem und ökologischem Anbau – und ganz nebenbei dient das Café noch einem sozialen Zweck.
„Der Kuchen ist jetzt im Ofen“, ruft die große Frau aus der kleinen Küche heraus. Danach läuft sie hinter die Theke, um zwei Milchkaffee zu kochen. Mit bestimmten Handgriffen füllt sie die gemahlenen Kaffeebohnen in den Siebträger und setzt ihn in den Automaten ein. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und  Kuchen überdeckt gerade eben den Geruch frisch gestrichener Wände und neuer Möbel. Dass Jeannine Grabosch aufgrund einer Vorerkrankung schwerbehindert ist, merken die Gäste des Kaffeehauses nicht. „Hier kann ich endlich meine Fähigkeiten unter Beweis stellen, trotz meiner Einschränkungen“, freut sich Grabosch. Sie übernimmt alle Arbeiten, die im Alltag einer Servicekraft anfallen: Getränke zubereiten, Kunden bedienen, abkassieren und alles, was noch anfällt. Gemeinsam mit drei weiteren Angestellten bildet sie das Stammteam im neuen Rotthauser Lokal.

Das Café als soziales Projekt

Dahinter steht der Ziegenmichel e. V., der in ganz Gelsenkirchen für soziales und integratives Engagement bekannt ist. Projektleiterin Stefanie Tietze erklärt: „Mit unseren bereits vorhandenen inklusiven Angeboten haben wir gute Erfahrungen gemacht.“ Die Rotthauser freuen sich über die neue Ausgehmöglichkeit. „Ein Treffpunkt wie dieser hat gefehlt, die Menschen reagieren sehr herzlich auf uns“, so Tietze.
Grabosch serviert den Kaffee zwei Damen, die vor der durchgehenden Fensterreihe am Ende des Raumes sitzen. Mit weitem Lächeln und einem kräftigen „Bitteschön!“ platziert sie die Tassen auf dem Tisch. „Die gemütliche Atmosphäre sorgt für gute Laune und bietet Abwechslung zum Zimmer“, freut sich Marita Czudzewitz. Ihre Mutter Inge Heuckmann wohnt im anliegenden Seniorenheim. „Wir sind froh, dass nach langer Zeit wieder Betrieb im ehemaligen Café Classico herrscht.“ Hinter den beiden hängen mehrere Fotocollagen an der Wand, die die Geschichte Rotthausens widerspiegeln. „Die Collagen bestehen aus über 1000 Fotos, die Rotthauser Erinnerungen wiederbeleben. Wir sind stets auf der Suche nach weiteren Fotos“, erwähnt Tietze. Der Name Zeitblick beruht nicht nur auf den Fotocollagen: ein schwarzes, historisches Piano mit goldenen Kerzenhaltern schmückt den Raum und kommt zu bestimmten Anlässen zum Einsatz. Neben dem Eingang liegen alte Kaffeemühlen zur Schau, die zugleich auf die eigene Kaffeerösterei aufmerksam machen.

Leckereien aus eigener Herstellung

„Momentan probieren wir noch aus, was bei unseren Gästen gut ankommt. Wir sind immer offen für Kritik oder Verbesserungsvorschläge.“ Neben Kaffee, Kuchen und kleinen Snacks können die Gäste des Cafés abgepackte Produkte aus eigener Herstellung kaufen, darunter Spezialsalze und Olivenöl. „Trotz des ökologischen Ursprungs kosten unsere Produkte nicht viel. Hierbei geht es nicht um Wirtschaftlichkeit, sondern um den sozialen Faktor“, betont Tietze. Für die Zukunft ist eine Kooperation mit dem Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen geplant, bei der Langzeitarbeitlose Veranstaltungen im Kaffeehaus mitgestalten. Erste Ideen stehen bereits für Spieleangebote und das Basteln von Frühlingsschmuck. Den Gästen des Cafés entstehen dadurch keine zusätzlichen Kosten. „Die Tätigkeit bei uns ist darauf ausgelegt, Langzeitarbeitlosen und Menschen mit Behinderung wieder in den geregelten Arbeitsalltag zu helfen“, so Tietze.
Tim Schmidt