Anfassen erwünscht

Die Wengestraße in Schonnebeck zieren viele Kunstwerke von Anwohner Klaus Viehöfer, hier mit Ehefrau Petra vor einem 2,5 Tonnen schweren Werk aus 13 Ambossen vor dem eigenen Wohnhaus, das noch andere Werke wie Großvater Fritz am Amboss oder die „Öko-Spülmaschine“ zieren.

Die kleine Kunststraße von Schonnebeck: Klaus Viehöfer schafft Skulpturen aus Metallresten

(win) Die Wengestraße ist eine der kleinsten Straßen in Essen – und doch eine Sehenswürdigkeit der besonderen Art. Wer die knapp 250 Meter entlangschlendert, der sieht rechts und links Kunstwerke der besonderen Art; Werke aus Metallabfällen, aus Resten. Was andere wegwerfen, verwertet Klaus Viehöfer. Mehr noch: Der gelernte Dreher möchte, dass seine Kunst nicht nur angesehen, sondern auch angefasst wird. Hier ist das Berühren der Kunstwerke nicht nur erlaubt, sondern vielmehr erwünscht.

Seitdem er in Rente gegangen ist, hat der heute 70-Jährige noch mehr Zeit, sich um sein Hobby zu kümmern. Bis zu zwölf Stunden täglich verbringt er dafür in der Schlosserei, was Ehefrau Petra nicht immer lieb ist, wie er freimütig zugibt. Immerhin befindet sich das Wohnhaus ja um die Ecke. Und gedanklich stehen sich Petra und Klaus Viehöfer eh ganz nahe, auch was die metallene Kunst und den Umgang damit betrifft. Der Rasen vor dem Wohnhaus wurde entfernt, um mehr Kunstwerke sicherer anzubringen. Die meisten der Objekte lassen sich bewegen. „Hier gehen so viele Kinder vorbei, die haben daran Spaß“, sagt Petra Viehöfer, um gleich zu ergänzen: „Und nicht nur die Kinder.“
Bis auf eine Ausnahme sind alle Werke aus Edelstahl oder aber verzinkt. Diese Ausnahme ragt vor Viehöfers Haus in die Höhe. Neben dem riesigen Baum aus Küchenutensilien („unsere Öko-Spülmaschine“) springt einem dort ein rostiges Monstrum ins Auge. Das 2,5 Tonnen schwere Werk ist aus 13 Ambossen geschaffen und erinnert an Großvater Fritz. Zwei Ambosse und einige verwendete Werkzeuge stammen auch noch aus seiner Werkstatt. Der Opa selbst findet sich samt Amboss und seiner obligatorischen Pfeife im Mund ebenfalls im Kunstpark wieder.
Der Umgang mit Metall ist eine Familientradition bei den Viehöfers. Schon Uropa Karl und Opa Fritz hatten als Huf- und Wagenschmiede mit diesem Element zu tun, Vater Hans war zunächst Schweißer bei Krupp, ehe er zur Schlosserwerkstatt stieß, die Fritz Viehöfer zunächst in der Schonnebecker Straße eröffnet hatte und die dann 1932 in die Matthias-Erzberger-Straße verlagert wurde, gleich hinter dem damaligen Wohnhaus der Familie.
Doch nicht nur vor dem eigenen Haus und vor der Werkstatt finden sich Viehöfers Kunstwerke, sondern auch vor vielen Nachbarhäusern. „Die Nachbarn haben irgendwann einmal nachgefragt,“ sagt Klaus Viehöfer. Und er, der zweimal wöchentlich auf Schrottplätzen nach weiteren Materialien stöbert, baute ihnen halt etwas. Seit dem Frühsommer dieses Jahres stehen drei Werke auch auf städtischem Terrain, die Erlaubnis dafür wurde erteilt. Darunter ein Nussbaum, der aus mehr als 150 Stecknüssen entstanden ist. Alle diese Kunstwerke hat Klaus Viehöfer übrigens nicht verkauft, sie sind weiterhin sein Eigentum. Verdienen möchte er nämlich an seinem Hobby gar nicht, möchte vielmehr seiner Kreativität freien Lauf lassen.
Längst gehört die Kunststraße schon zu den heimlichen Sehenswürdigkeiten Essens. So veranstaltet ein alter Schulkollege Viehöfers Führungen auf dem Fahrrad. Sind Zeche Zollverein und Himmelstreppe abgehakt, geht’s dann auf dem Rückweg durch die Wengestraße. „das ist häufig der längste Aufenthalt der Tour“, weiß Viehöfer. Schließlich darf – und soll – die Kunst hier auch angefasst werden.